Fernsehen für alle – das visuelle Tor zur Welt

Ein Gastbeitrag von Heinz Mehrlich (Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband DBSV)

Heinz Mehrlich, 66 Jahre alt, seit Geburt sehbehindert mit einem Sehvermögen um die fünf Prozent

Fernsehen ist anders, wenn man sehbehindert oder blind ist. Aber auch blinde Menschen „schauen“ Fernsehen – sie verschaffen sich Informationen über das Gehörte und, wenn es zur Verfügung steht, zusätzlich über erklärende Audiokommentare. Fernsehen ist häufig ein Gemeinschaftsvergnügen, sowohl beim Sehen als auch beim darüber Sprechen. Auch blinde und sehbehinderte Menschen wollen mitreden können und mit ihren Lieben gemeinsam vor dem Fernseher sitzen.

 

Was wollen sehbehinderte Menschen vom Fernsehen?

Fernsehen zeigt die Realität in Mengen, die für das Auge leicht verdaubar sind. Technisch gesagt wird der Kontrastumfang verringert. Auf modernen Flachbildschirmen werden Farben außerdem sehr kräftig dargestellt – das kommt sehbehinderten Menschen entgegen, da sie häufig Farben schwächer wahrnehmen. Bei eingeschränkter Sehwahrnehmung ist es hilfreich, wenn auch das Geschehen auf dem Fernseher auf ein angepasstes Feld konzentriert wird. Der Sehbehinderte sieht also auf dem TV tatsächlich mehr als er „mittendrin“ in der Realität sehen würde. Auch wenn es pathetisch klingen mag: Der Fernseher ist für sehbehinderte Menschen wirklich das visuelle Tor zur Welt.

 

Meine Art fernzusehen

Die technische Entwicklung bei Fernsehern war im letzten Jahrzehnt für sehbehinderte Menschen ein wirklicher Lichtblick. Die alten Fernseher nannte man – aus heutiger Sicht zurecht – Mattscheiben. Heute sind große, leuchtstarke und farbenprächtige Bildschirme eine Selbstverständlichkeit. Genauso selbstverständlich ist es, in großem Umfang das Fernsehbild in Farbigkeit, Helligkeit und Kontrast verändern zu können. Diese Entwicklung nützt sehbehinderten Menschen ganz besonders, da jeder von ihnen sehr individuelle Einstellungen benötigt.

 

Ich selbst verfüge über ein Sehvermögen um die fünf Prozent und besitze einen hochauflösenden 65-Zoll-Fernseher, den ich aus einer Betrachtungsdistanz von gut einem Meter nutze. Das wird Ihnen womöglich sehr nahe erscheinen, und vielleicht wundern Sie sich, wozu ein hochgradig sehbehinderter Mensch einen hochauflösenden TV benötigt. Das ist für mich der wichtigste Punkt: Sehbehinderte Menschen müssen sich ihre Situation beim Fernsehen sehr individuell gestalten können. Auf fast wundersame Weise vermittelt ein hochauflösender Fernseher auch bei einem sehr geringen Sehvermögen für mich eine größere Räumlichkeit. Da stimmt der etwas hoch gegriffene Werbespruch tatsächlich: Fernsehen ist für mich realer als die Realität. Um genau zu sein: Es ist meine visuelle Realität.

Meine Wünsche an die TV-Technologie

Ich wünsche mir für Sehbehinderte noch mehr Forschung darüber, wie sie im Alltag ihr Fernseherlebnis verbessern können. In Deutschland trägt mehr als die Hälfte der Menschen eine Brille, ein gutes Drittel ist sogar ständig auf sie angewiesen. Und mehr als eine Million aller Menschen in unserem Land sieht schlechter als 30 Prozent, erreicht also die von der Welt-Gesundheitsorganisation definierte Grenze für eine Sehbehinderung.

 

Was würde ich mir von den Entwicklern von TV-Technologie im Einzelnen wünschen? Die Möglichkeit einer schnellen Anpassung von Helligkeit und Kontrast empfinde ich als sehr wichtig, da mein Seh-System sozusagen nicht die gleiche Menge Input verträgt wie bei einem Menschen mit normalem Sehvermögen. Für mich ist der sehr hohe Kontrastumfang des HDR, High Definition Range, sehr nützlich. In manchen Situationen leuchtet allerdings ein Gegenlicht zu stark und ich kann eine nebenstehende Person nicht mehr ausreichend wahrnehmen. Ein schnelles Abdimmen wäre hier hilfreich.

 

Meine ganz persönliche große Hoffnung ist das Computer-Sehen. Das Fernsehbild könnte so aufgearbeitet werden, dass beispielsweise ein Fußball für mich größer und leuchtstärker dargestellt würde als für einen Menschen mit besserem Sehvermögen. So etwas kennt man schon von Schwimm-Meisterschaften, bei denen Linien eingeblendet werden, damit man den Sieger oder die Siegerin besser feststellen kann. Oder wie wäre es mit einem zeitweiligen Einblenden von Namen über den Köpfen handelnder Personen in Krimis? Manchmal weiß ich nämlich tatsächlich nicht, wer Täter oder Opfer ist.

 

Abschließend möchte ich noch eine allgemeine Hoffnung formulieren: Das Telefon wurde zuerst für hörgeschädigte Menschen und die Schreibmaschine für blinde Menschen erfunden. Wahrscheinlich wird die Beschäftigung mit der visuellen Wahrnehmung des Fernsehbildes bei Sehbehinderten früher oder später auch für die ganz „normalen“ Fernsehzuschauer von Nutzen sein und zu einem besseren Seherlebnis für alle beitragen. Da bin ich mir wirklich sicher!

 

 

Quelle: Samsung

 

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